| Cyra, die Geliebte (Vashankas) |
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![]() In jener Zeit, als die Altvorderen in den blühenden Gefilden wandelten, welche durch die Kraft der Sonne und ihrer göttlichen Kinder selbst dem Zwielicht, unfruchtbar und zu eigenem Leben und eigener Freude nicht fähig, entrissen worden waren, herrschten die Götter selbst über die freien Völker. Die Kreaturen des Zwielichts waren in die Schatten der Welt zurückgedrängt worden, in die steinigen und unfruchtbaren Wüsten der Welt, wo sie ihr auf Rache dürstendes Schicksal fristeten. Eine Rache, die sie, die Herrschaft über die Welt und die in ihr wandelnden Wesen zu erlangen suchend, später aus ihren dämmrigen Zufluchten hinaustreiben wird. Doch dieses Zeitalter, in dem ein zweiter Fürst der Dämonen seine Klauen nach der Welt ausstrecken und sie mitsamt den freien Völkern zu verderben sucht, ward noch nicht angebrochen. Wenngleich schon in seinem Herbst, so blühte das Zeitalter der Götter noch in seinem güldenen Glanze, und allerorts war die Herrlichkeit der Schöpfung für jedweden der freien Völker spürbar. Fruchtbar waren die Zeiten unter Leylindas Segen, gerecht unter Taphanors Herrschaft, voller Freude von Vashanka erfüllt, und die Kultur gedieh unter Ceomes leitender und lehrender Hand. Mit handwerklichem Geschick richteten sich die Völker in der Welt ein, die ihnen zuteil geworden war. Zur Hege und Pflege, doch auch zu ihrer Freude. Das Zeitalter neigte sich dem Ende zu, doch weder Völker noch Götter sahen das Übel, das sich in den tiefen Schluchten, verborgen im Zwielicht regte, als in einem kleinen Dorf einem Schmied eine Tochter geschenkt wurde, deren Name bis zum heutigen Tage überliefert ist. Sie ward Cyra genannt und wuchs im güldenen Schein der Sonne und unter dem silbernen Licht der Sterne auf. Begleitet von dem Gesang der Vögel, dem sanften Rauschen des Baches, dem Knacken des Holzes in der Esse der Schmiede und dem Trommeln des Wassers an regnerischen Tagen. Ihre Eltern waren ihr in Liebe zugetan, und wie viele ihres Zeitalters erlebte sie den Frieden dieser Epoche, welcher in unser aller Erinnerung noch immer Hoffnung gibt auf das Zeitalter des Lichts, welches es zu erstreiten gilt. Der Segen Leylindas lag auf ihren Zügen, die Gaben Ceomes in ihren Armen: so war sie anmutig und voller Schaffenskraft zugleich. Schon früh ging sie ihrem Vater in der Schmiede zur Hand, fest lag der Hammer in ihrer Hand, wie sie das rotglühende Eisen ihrem Willen unterwarf. Es wuchs ihr Können, es stählte ihren Körper. Sie war nicht wie die Frauen an den Höfen unserer Zeit, welche sich dürr und blässlich in gezierter Art den höfischen Vergnügungen hingeben, sondern mit einer kraftvollen Anmut gesegnet, wie die Helden längst vergangener Zeiten aus unseren Sagen und Legenden. Die Abende verbrachte sie oft zechend, das Leben feiernd, welches den freien Völkern von den Göttern gegeben ward. Viele Reisende waren zu jener Zeit unterwegs, in jenen friedlichen Tagen ohne Angst vor Übergriffen auf den Straßen. Ein Mann war an einem Abend unter den Reisenden, welcher ob des Funkelns in seinen Augen und seiner wild scheinenden Art die Blicke vieler Frauen auf sich zog. Viele von jenen senkten, beschämt ob ihrer seltsamen Gedanken, bald wieder die Augen. Leidenschaft erfüllte den Raum, unzählige Krüge wurden erhoben, laut wogten die Gespräche, ein Wort gab das nächste, anzüglich wurde das Gesprochene, ein Blick, ein Klaps, hoch kochte das Blut, ein Rempeln, ein Schlag. Die Schlacht im Schankraum nahm ihren Lauf. Mit Fäusten, Krallen, Zähnen und Krügen wogte der Kampf hin und her. Angeschlagen verließ mehr als ein Mann und eine Frau das Feld. Gegner fielen sich erschöpft in die Arme und schlugen den Weg nach Hause ein. Das Messen der Kräfte ließ alsbald jeden ermatten. Nur Cyra und der Fremde blieben im gegenseitigen Kampfe versunken. Tiefes Schwarz überspannte die Welt, nur vom silbernen Glanz der Sterne durchlöchert, das dunkle Tuch. Bald schon lag die Stille der Nachtruhe über dem Dorf. Einzig im Schankraum, im Licht der heruntergebrannten Kerzen, war der Widerstreit noch im Gange. Zwei starke Willen trafen hier an diesem Ort aufeinander, fest ineinander verkeilt, jeder ohne die Bereitschaft, auch nur einen Fingerbreit nachzugeben, entschlossen, den Sieg zu erringen. Schweiß floss in Strömen, Krämpfe zuckten durch die Muskeln, verhärtet die Mienen, bis dass die Sonne ihren güldenen Glanz über die Hügel fließen ließ. Erst, als die Strahlen der Sonne durch die Fenster in den Schankraum strömten, verebbte die Leidenschaft des Kampfes im Blut der Kämpfer, und sie ließen voneinander ab. Erschöpft brach die Frau zu den Füßen des Fremden zusammen, doch diesem war die kämpferisch verlebte Nacht nicht anzusehen, und mit einem Lächeln schüttelte er jedes Anzeichen von Anstrengung von sich ab. Der Mann blinzelte und sah auf Cyra hinunter, als würde er sie das erste Mal wahrnehmen. In all der Zeit, in der er schon auf der Welt wandelte, war sie die erste Frau, die erste Person, die ihm zu widerstehen vermochte. Er kniete sich neben die starke Schöne, die erschöpft atmend auf den Dielenbrettern lag, und hell blitzte die Klinge seines Dolches im Sonnenlicht. Einen Schnitt führte er, rot drängte das Blut aus der Wunde. Einige wenige Tropfen seines Lebenssaftes benetzten ihre rissigen Lippen, und die Kraft kehrte in ihre Glieder zurück. Cyra blickte auf und sah in das mit Narben überzogene Gesicht des Mannes. Die Erkenntnis über seine Natur durchflutete ihren Körper, und wollüstig brodelte das Blut heftig in ihrem Leib. In den frühen Morgenstunden dieses Tages gaben sich Cyra und Vashanka das erste Mal ihrer körperlichen Begierde hin, und bis in die Abendstunden währte ihre Leidenschaft. Weit in den Norden zog die Frau mit dem Gott, bis in seine Zitadelle, seiner Heimstatt auf der uns gegebenen Welt. Viele Tage und Nächte verbrachten sie zu zweit in seinen Zimmerfluchten, und keine Art des Beischlafes dieser und aller Welten war ihnen fremd in ihrer Anbetung der Leidenschaft, wenn sie sich wollüstig den Begierden ihrer Körper hingaben. Gemeinsam genossen sie die Freuden, die durch das Blut in jedem Lebewesen lebendig zu werden vermag, über viele Jahre und Jahrzehnte. Durch den Lebenssaft, der Cyra von Vashanka gegeben ward, alterte sie nicht und behielt über all diese Zeit ihre Stärke und Schönheit. Die Jahrzehnte gingen ins Land, der Herbst des Zeitalters der Götter näherte sich dem Winter, während Cyras Blut immer stärker im Verlangen wogte, in die Welt zurückzukehren. Der Zitadelle ihres Göttergeliebten, ihr über die Dauer zu einem goldenen Käfig, gleich einem Gefängnis, geworden, zu entfliehen und ihre Begierden in der Welt, unter den Völkern zu stillen. Der grenzenlosen Leidenschaft in ihrem Herzen folgend, verließ sie die dunklen Gemäuer der Feste und ritt gen Süden. Ein grollender Donner begleitete ihren Abschied, und voller Gram ob des Verlustes der Geliebten zog sich Vashanka für eine lange Zeit in die dunklen, von feuriger Lava erhellten Grüfte unter seiner Feste zurück. Cyra zog durch die Welt, und überall, wo sie auf ihrer Reise Station machte, waren die Nächte zu kurz, um all ihre Wollust zu fassen. Mehr als ein Jüngling verlor an ihr die Unschuld, mehr als ein Mann verlor sich zwischen ihren Lenden, mehr als ein Greis fühlte in ihren Armen wieder die Leidenschaft seiner Jugend. Zu ihrem Vergnügen, aber auch in ewigem stillen Gedenken an Vashanka, dem Herrn und Grundlage ihres Handelns, einem Gebete gleich, füllte sie ihr Leben mit Leidenschaft. Ekstatischen Ritualen gleich, erfüllte sie ihre Begierden. Die frivolen Legenden und Geschichten über die Unsterbliche wurden alsbald überall erzählt, und mehr als eine Frau und mehr als ein Mann neidete ihr das Dasein, das Vashanka ihr geschenkt hatte. Jener Neid war ein Tropfen, welchen Azgoroth zu nutzen wusste, als er das Menschengeschlecht verführte. Aus den Nebelschwaden der im Zwielicht liegenden Schluchten der Welt krochen die Einflüsterungen in die Ohren des drittgeborenen Volkes und vergifteten ihre Gedanken. Sie sahen die Zwerge, mit ihrer langen Lebensspanne, sie sahen die Elben mit ihrem fast an die Unsterblichkeit heranreichenden Alter, sie sahen Cyra mit der von einem Gott gegeben Gabe der Unsterblichkeit. Eine Unsterblichkeit, durch Vashanka gegeben, der einst den Tod in die Welt gebracht und damit den heiligen Kreislauf der Natur zum Abschluss gebracht hatte. Die Herrscher der Länder der Menschen, einst Truchsessen der Götter, welche sich erhaben fühlten über jene, denen gegenüber sie Pflichten hatten, welche sich dünkten, den Platz der Götter einnehmen zu können, waren jene, die sich als erste Azgoroth zuwandten. König Duncan war der Mächtigste von ihnen, der durch den Dämonenfürsten die Unsterblichkeit des Unlebens empfing. Er war es, der in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Welt unter seine Herrschaft brachte. Er war der Anfang, doch nicht das Ende des Glaubens, denn nur zu freudig schlossen sich die Menschen ihm und den Versprechungen des Zwielichts an. Die Anzahl der Menschen, welche sich von den Göttern um ihr Recht auf Unsterblichkeit betrogen sahen, schlossen sich der Armee Duncans an, und ihre Zahl war Legion. Nur wenige Menschen leisteten dem grauen König Widerstand. Eine Gruppe von letzten Getreuen sammelte sich um Cyra, welche sie in die Schlacht an den verlorenen Bergen führte. In jener Schlacht wurden die, welche sich für die Götter in die Schlacht warfen, wie von einem bösen Sturm hinweggefegt. Von des grauen Königs Duncan dämonischer Klinge ward Cyra aus dem Leben genommen, und der wahre und rechte Glaube ward auf der Welt verdorben für eine lange Zeit. Vashanka spürte den Verlust seiner Geliebten, denn in ihr floss auch sein Blut. Er verließ die Gruft, er verließ die Zitadelle und zog sich zurück von dieser Welt auf den eisigen Thron. Dort erfüllte er seine Pflicht, über die Verstorbenen zu richten und wartete auf die Seele jener, die seine Geliebte gewesen war. Doch der Strom der Verstorbenen versiegte über die Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis die Schlange der auf sein Urteil wartenden Seelen zu einem Ende gekommen war. Er, dessen Herz in der Kälte der Trauer erstarrt war, saß in der frostigen Halle, bis der Wiederhall leiser Stimmen zwischen den weiß glitzernden Wänden zu vernehmen war. Vashanka hob sein Haupt und lauschte den Stimmen, die von Leid und Trauer kündeten. Stimmen, die Hilfe erflehten. Stimmen, die Hoffnung in sich trugen. Stimmen, die flammend vom Glauben an die Götter kündeten. Stimmen, die das Feuer in Vashankas Blut wieder zu entzünden vermochten. Ein Feuer, das so hell und brennend aufloderte, wie es seine lange Unterdrückung erwarten ließ. Voller Zorn ergriff er seine Axt und verließ seinen Platz in der eisigen Halle. Er kehrte zurück in seine Zitadelle auf unserer Welt und ritt gemeinsam mit seinem göttlichen Bruder hinaus in die Schlacht wider Azgaroth und die Seinen. Die Seele Cyras jedoch blieb auch nach dem Sieg über den Dämonenfürsten verschollen. Azgaroth, so sagen die Überlieferungen aus der Zeit der Altvorderen, hält sie bis zum heutigen Tage gefangen, um seinem göttlichen Widersacher zu spotten und ihn in ein eisiges Grab der Trauer zu verstricken. Doch heiß brennt das Blut in Vashankas Adern, Azgoroth trotzend. So soll er uns Vorbild sein, dass wir die Welt nur erretten können vor den Versuchungen und Eroberungsgelüsten des Zwielichts, wenn wir gerade in Zeiten der Trauer und des Schmerzes, des Verlustes und des Unglücks, das Feuer der Schlacht, das Feuer der Leidenschaft in uns spüren und mit heißem Blut eisige Rache nehmen. In fester Gewissheit, dass wir nach unserem Siege über das Zwielicht im anbrechenden Zeitalter des Lichts für all unsere Mühen und Schmerzen entlohnt werden. Dass wir zu jener Zeit mit allen, die wir verloren glaubten, mit allen, die sich für unsere gemeinsame Sache geopfert haben, wieder vereint sein werden, vereint unter dem Glanz der Sonne, vereint unter der Herrschaft der Götter. Wie Cyra und Vashanka verbunden in der Leidenschaft, die das Leben birgt. Erstmals niedergeschrieben von Bruder Laskaris vom Orden der Offenbarungen der Vashankakirche auf Grundlage alter, mündlicher Überlieferungen im Kloster Thagut in den Düsterzinnen des Imperiums von Ramar im Jahr 1680 imperialer Zeit. © Text: Hagen Hoppe
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