Geschichte von Bluthafen PDF Drucken E-Mail
Geschichte von Bluthafen
Im Jahre 188 vor Neuer Ordnung hatte sich ein Junker der damaligen Grafschaft Rabenstein von seinem Lehnsherrn abgewandt, sich den Titel eines Fürsten gegeben und damit das Fürstentum Nordfjord gegründet. Als Hauptstadt seines Reiches baute er die Hafenstadt Fjordhaven im Norden des Fjordes, den er fortan zu seinem Herrschaftsgebiet zählte, auf den Ruinen einer viel älteren Stadt. Da auch die Flotte der Grafschaft Rabenstein nun zu seinem Herrschaftsgebiet zählte, vermochte er tatsächlich für das nächste Jahrhundert den Fjord zu beherrschen. Die Herrschaft über die Firnsee musste sich das Fürstentum Nordfjord aber mit dem Fürstentum Dualdon teilen. Da sich jedoch die Marine von Nordfjord schon recht früh auf das Aufbringen von Schiffen verlegte, gedieh das immer wohlhabender werdende Fürstentum.

Doch sowohl der Reichtum und die damit einher gehende Macht als auch die Übergriffe auf Schiffe anderer Herrschaftsgebiete brachten die anderen Herrscher gegen das Fürstentum Nordfjord auf. So mag es nicht verwundern, dass im Jahre 32 vor Neuer Ordnung aus dem Norden ein Heer aus Dualdon, das am meisten unter den Kaperfahrern zu leiden hatte, und aus dem Süden eine Streitmacht der Grafschaft Rabenstein gegen Nordfrost marschierten.

In diesem Jahr wurde im Rahmen dieses Feldzuges das Fürstentum Nordfjord ausgelöscht. Der Fürst wurde gevierteilt, die Festung hoch über dem Fjord vollkommen zerstört und die im Hafen befindlichen Schiffe verbrannt. Doch auch die treuen Bürger des Fürstentums, in den Augen der Angreifer nichts anderes als Piraten und Verbrecher, wurden ungeachtet ihres Geschlechts oder Alters getötet, und die Rabensteiner streuten Salz auf die Felder, um nie mehr einen mächtigen Nachbarn im Norden dulden zu müssen. So zogen die Truppen aus Dualdon und Rabenstein nach getanem Werk wieder ab und ließen ein verwüstetes Land zurück.

Als zwei Schiffe des Fürstentums Nordfjord von ihrer Fahrt zurückkehrten fanden sie das zerstörte Fjordhaven vor. Rot leckten die letzten Flammen in den Himmel hinauf, und rot glühte die Glut in den zusammengebrochenen Häusern, rot befleckte das Blut die Strassen der Stadt und floss in Strömen in das Hafenbecken. Das Bild vor Augen, sich dem Tode aller Liebsten bewusst, entstanden an jenem Tag die Namen, den die indessen wiederaufgebaute Stadt sowie der Fjord heute tragen: Bluthafen und Blutbucht.

Hilf- und herrenlos lag das zerstörte Fürstentum vor den Augen des tapferen Kommodores, der sehr schnell begriff, dass die Zustände in der Bucht schnell einer Stabilisierung bedurften, um sie nicht zum Spielball der kämpfenden Mächte werden zu lassen. Die Männer und Frauen an Bord seines Schiffes waren die einzig verbliebenen Bürger des Fürstentums. Nur wenige Tage vergingen, bis dieser tatkräftige Mann sich zum Gouverneur ausrufen ließ und den Ort zur autonomen Stadt ernannte.

Heimdall von Bluthafen ließ die Stadt soweit möglich wieder aufbauen und befestigte sie. Die Feste jedoch wurde nie wieder instandgesetzt, als Mahnmal für die Unterdrückung durch selbstherrliche Adelige. Heimdall, ein die Freiheit über alles liebender Mann, der auch einem guten Tropfen und einem schönen Weib nie ganz abgeneigt war, erließ gerade nur soviel Gesetze, wie nötig waren. Eine Tradition, die sich in Bluthafen bis heute erhalten hat.

Im Laufe der Jahre liefen immer weitere Schiffe den Hafen an, unter denen auch einige weitere, durch die Eroberung ihres Fürstentums heimatlos gewordene Kaperschiffe waren. Das Leben blühte auf, ein Leben, welches ohne Moral, jedoch in seinen Ausschweifungen, seiner Lebensfreude und Freizügigkeit seinesgleichen suchte. Dies schuf eine Atmosphäre in der Stadt und eine Gesellschaft an Bewohnern, die bis heute das Stadtbild und das Leben bestimmt.

Als im Jahre 3 vor der Neuen Ordnung Heimdall verstarb, übernahm seine älteste Tochter Idun das Amt des Gouverneurs von Bluthafen. Die unehelich geborene Frau war bis zu jenem Zeitpunkt Kapitän des väterlichen Schiffes gewesen. Nur zwei Jahre, nachdem sie den Posten des Gouverneurs übernommen hatte, drang ihr die Kunde von einer neuen, starken Macht im Osten des Landes zu Ohren. Eine Streitmacht unter Drugor und Vulgon war in das Land eingefallen und hatte die Burgen Drudenstein und Drachenpass, sowie die Dörfer Rotweiler und Benwick erobert. Mit weiteren Verbündeten aus dem Land fielen ihnen nach und nach die einzelnen Fürstentümer wie reife Früchte in die Hände.

So sandte Idun von Bluthafen einen Unterhändler zu den Heerführern, um mit ihnen über den Fortbestand der Autonomie Bluthafens unter Zusicherung der Neutralität zu verhandeln. Doch das einzige, was die Gouverneurin als Antwort erhielt, war der entleibte Torso ihres Abgesandten, auf dem mit Blut geschrieben stand: "Unterwerft Euch oder sterbt!". Idun stieg zur Ruine hinauf, und ihr Blick schweifte über das weite Land. Sie sah den Rauch des Krieges im Osten. Noch am selbigen Tage befahl sie die Mobilmachung.

Während des Winters glühten die Essen in Bluthafen, die Ringmauer wurde verstärkt und man bereitete sich auf den Angriff des Feindes vor. Doch kaum war das Jahr der Neuen Ordnung angebrochen, vernahm man auch in Bluthafen von der Ankunft einer weiteren Streitmacht. Diese warf sich dem Heer von Drugor und Vulgon entgegen. Voller Hoffnung im Herzen sandte Idun nun erneut einen Botschafter aus. In den darauffolgenden Tagen führte dieser die erfolgreichen Verhandlungen mit Lord Nurbicon ika Rastan.

An Land kämpfte das Heer seiner Lordschaft kühn und siegreich gegen die unheiligen Horden. Auf See unterstützten die Schiffe aus Bluthafen den Kampf, indem sie den Nachschub über die Firnsee für den Feind blockierten und die Schiffe aufbrachten. So gelangte Etliches, was für die unheiligen Horden bestimmt war, in die Hände der Truppen Nurbicons. In jenen Tagen gelangte auch Kapitän Caithless Bashkan mit dem "Wogenspalter" zum ersten Mal nach Bluthafen - und ließ sich dort nieder.

Nachdem Drugor verschwunden war und es dem Lord gelang, Vulgon zu erschlagen, kehrte der Frieden im Land ein, das nunmehr zum Reiche Dorlónien ernannt ward. Im Jahre 1 nach der Neuen Ordnung, als sich die Zustände im Reich stabilisierten, wurde zwischen der Gouverneurin Idun von Bluthafen, dem Kriegsherrn Lord Nurbicon ika Rastan und dem Erzlegaten Thalios Darkstalker ein Vertrag ausgehandelt, welcher die weiteren Beziehungen und Verpflichtungen des Reiches und Bluthafen regelte.

Bluthafen wird als autonome Stadt im Reichsgebiet anerkannt. Die Stadt sieht sich aber als Bestandteil des Reiches Dorlónien und unterwirft sich damit dessen Regierungsgewalt. Dennoch hat der Gouverneur als Statthalter im Namen des Reichherrn eine Sonderstellung inne. Die Stadt wird zum dorlónischen Freihandelsgebiet mit besonderen Rechten erklärt. So besitzt Bluthafen als autonome Stadt eine eigene Gerichtsbarkeit und unterhält eine freie Streitmacht in der Stärke eines Banners, die dem Gouverneur direkt unterstellt ist - die Blutgarde. Während die traditionelle Piraterie vom Reich stillschweigend weiter geduldet wurde, wurde jedoch die Unantastbarkeit von Schiffen Dorlóniens oder seiner Verbündeten vereinbart. Desweiteren verpflichtete sich Bluthafen im Falle eines Angriffes von See, seine Kriegsschiffe unter dorlónischer Flagge zur Verteidigung des Reiches einzusetzen.

Im Jahre 8 nach Neuer Ordnung hatte das Ansehen von Idun von Bluthafen bei einigen Kapitänen in der Stadt gelitten, da ihre Ausschweifungen und Vergnügungen zu immer höheren Abgaben führten. Abgaben, die nicht mehr nur alleine für die gerade erforderlichen Aufwendungen der Stadt erhoben wurden. Sie machte den ersten Schritt zur Potentatin, wohl angeregt durch den Adel in den dorlónischen Marken und in der Hoffnung, das Wohlwollen und die Unterstützung der hohen Herren in Amhas zu genießen. So kam es wie es kommen musste: einige Kapitäne aus Bluthafen schlossen sich zusammen, und in einem blutigen Putsch wurde Idun von Bluthafen gestürzt.

Während sie wegen eines auf der Flucht begangenen Mordes in Dualdon nach Recht und Gesetz in Amhas dem Tode verantwortet wurde, trat Caithless Bashkan ihre Nachfolge an. Als erfolgreicher Freibeuter überall gefürchtet und anerkannt, genießt er bis heute den Respekt der Bluthafener Bürger. Doch derzeit machen ihm die aufgrund eines Dekrets des Reichsherrn geänderten Bedingungen für Bluthafen - im Grunde ein Bruch des Vertrages, der aber in Amhas eher als Modifizierung gesehen wird - und die daraus resultierende Gründung der Dorlónischen Handelskompanie etwas zu schaffen. Doch man kann sich sicher sein, dass er weiter an der Macht festhalten wird.

© Text: Hagen Hoppe | Foto: www.JenaFoto24.de / Pixelio